Der HIV-Verlauf – vieles ist bekannt, manches noch immer wenig vorhersehbar

Der HIV-Verlauf – also der Verlauf einer HIV-Infektion – ist auch heute noch von entscheidender Bedeutung für die HIV-Therapie. Mit der Verbreitung antiviraler Arzneimittel hat nach Ansicht vieler Menschen die HIV-Infektion ihren lebensbedrohlichen Schatten verloren. Das ist nur teilweise zutreffend. Da sich die Symptome einer HIV-Infektion vielfach erst sehr spät zeigen – es vergehen häufig rund 10 Jahre bis Anzeichen für eine HIV-Erkrankung auftreten, die man auch als solche erkennt, – bleiben noch immer viele Infektionsfälle mit dem HI-Virus lange unentdeckt. Nach einer HIV-Infektion droht unbehandelt fast immer die Vollausbildung einer AIDS-Erkrankung mit den dazugehörigen Sekundärerkrankungen, die am Ende lebensbedrohlich sein können. Die derzeit mögliche Therapie der HIV-Infektion zielt auf die Vermeidung von AIDS und auf eine Kontrolle des Virus hin. Nur wer als Infizierter kompetent über den Verlauf einer HIV-Infektion informiert ist, wird die nötige Therapietreue aufbringen, um lebenslang und durchgehend HIV-Medikamente einzunehmen. Allerdings ist es für jeden Erwachsenen nützlich, ein Grundwissen zum HIV-Verlauf zu haben, um die Notwendigkeit von HIV-Prophylaxemaßnahmen zu verstehen.

Erste Anzeichen im HIV-Verlauf

Nach der Infektion mit dem HI-Virus können nach ca. drei Wochen akute Beschwerden auftreten.

Diese Beschwerden können sein:

  • Müdigkeit
  • Fieber
  • Gelenk- oder Muskelschmerzen
  • Kopfschmerzen
  • Erbrechen oder Durchfall
  • Hautausschlag mit Bläschen- oder Pustelbildung
  • Nachtschweiß
  • Lymphknotenschwellung im Bereich von Hals oder Leiste

Die Symptome können grippeähnlich verlaufen und nach 2 bis 4 Wochen wieder abklingen. Manchmal bemerkt der Patient in dieser Phase keinerlei Beschwerden. Dadurch bleibt die Infektion oft unerkannt. Ob eine HIV-Infektion vorliegt oder eine andere Erkrankung kann nur durch professionelle Testung unterschieden werden. Eine frühe Diagnosestellung ist enorm wichtig, um einerseits die Infektion von Sexualpartnern zu verhindern und andererseits eine rechtzeitige HIV-Therapie zum eigenen Schutz des Patienten zu beginnen. Studien konnten zeigen, dass der frühe und gezielte Einsatz von antiretroviralen Medikamenten einen positiven Effekt hat, indem das Voranschreiten der Erkrankung verhindert wird.

Grafik über die Krankheitsphasen einer HIV-Infektion.

Abb.: Krankheitsphasen nach einer HIV-Infektion mit Darstellung der Viruslast und der Zahl der CD4-Zellen im zeitlichen Verlauf ohne Behandlung.

Der HIV-Verlauf – denkbar heimtückisch

Das HI-Virus gilt als schwer übertragbares Virus. Diese Bewertung verdankt es der Tatsache, dass es nur durch den Austausch von Körperflüssigkeiten und den Kontakt über Schleimhäute/Wunden übertragen werden kann. Damit unterscheidet sich der HIV-Verlauf grundsätzlich von anderen Infektionen wie dem typischen grippalen Infekt, der per Tröpfcheninfektion schon beim Husten oder Niesen auf andere Menschen übergehen kann. Dafür hat HIV eine andere, sehr tückische Eigenschaft. In einer akuten Vermehrungsphase nach der Erstinfektion (vgl. Abb. Akute Phase) schnellt die Viruslast peakartig an, d.h. es befindet sich eine große Menge des Virus in Blut, Sperma, Scheidensekret oder in der Darmschleimhaut. Die Viruslast wird als Kopienzahl der HIV-RNA pro Milliliter Blut angegeben und kann Werte von über 10 Millionen Kopien erreichen. Einige Wochen nach der Infektion nimmt die Zahl der freien Viren ab und das Virus verbreitet sich meist unbemerkt in verschiedenen Immunzellen des Körpers (Wirtszellen) und versteckt sich dort vor den menschlichen Abwehrzellen. Diese Latenzphase kann jahrelang anhalten, ohne dass die Infektion bemerkt wird. Gleichzeitig kommt es zu einer schleichenden Schwächung des Immunsystems.

Wird HIV nach seiner latenten Phase wieder aktiv, ist die mögliche Schwächung des Immunsystems unter Umständen schon so weit fortgeschritten, dass die Zahl der CD4-Helferzellen sehr weit abgesunken ist und die Viruslast erneut deutlich ansteigen kann. HIV mündet dann in das Stadium AIDS. AIDS ist eine durch das HI-Virus ausgelöste Immunschwäche, die bis zur fast vollständigen Zerstörung des menschlichen Abwehrsystems voranschreiten kann. Der völlig geschwächte Organismus wird in der Folge zur Zielscheibe sogenannter opportunistischer Infektionen, deren Behandlung aufgrund der schweren Immunschwäche äußerst schwierig ist und die tödlich verlaufen können. Beispiele für diese Sekundärerkrankungen sind zum Beispiel Lungenentzündung, Tuberkulose und verschiedene Krebsformen. Das Versteckspiel des HI-Virus mit dem menschlichen Abwehrsystem in der Anfangszeit der Infektion macht es der wissenschaftlichen Forschung sehr schwer, effektive Heilmittel gegen HIV zu entwickeln. Besonders das HIV-Reservoir, das heißt Viren, deren Erbinformation in diejenige der Wirtszelle integriert ist und die sich nicht vermehren, stellen derzeit noch eine besondere Hürde für die Heilung von HIV dar. Somit ist die Entwicklung effektiver Arzneimittel gegen HIV weiterhin sehr komplex.

MERKE
HIV–positiv zu sein, bedeutet nicht, AIDS zu haben!
 Mit einer HIV-Infektion steigt jedoch das Risiko, an AIDS zu erkranken. Eine frühzeitig eingeleitete, antiretrovirale Therapie kann diesen Prozess stoppen oder zumindest günstig beeinflussen!

Die HIV-Therapie – der Status Quo

Seit Mitte der 90er Jahre ist eine Revolution bei der Entwicklung von HIV-Therapeutika gelungen, weil der Verlauf der Infektion durch antiretrovirale Mittel sehr positiv beeinflusst werden kann. Werden drei verschiedene antivirale Substanzen gleichzeitig und konsequent angewandt, hemmen diese Arzneimittel die weitere Ausbreitung des Virus im Organismus und senken die Viruslast in Körperflüssigkeiten unter die Nachweisgrenze. Für die Betroffenen ist die derzeit mögliche Behandlung bei HIV gleichbedeutend mit der lebenslangen, fortdauernden Anwendung der antiviralen Mittel. Obwohl eine HIV-Therapie immer auch eine Prävention von AIDS darstellt, gibt es bei der Bekämpfung von HIV auch heute noch viele Unwägbarkeiten. Die lange Latenzzeit, in der sich kaum Symptome der HIV-Infektion zeigen, kann dazu führen, dass Betroffene zu spät behandelt werden. Jede HIV Infektion und jeder HIV-Verlauf hat außerdem einige individuelle Anteile, die von dem typischen bekannten Verlauf dieser Krankheit abweichen können. Die Verträglichkeit und Toleranz gegenüber potentiellen Nebenwirkungen der HIV-Arzneimittel können unterschiedlich ausgeprägt sein, der Willen und die Konsequenz zur Therapietreue bei HIV-Infizierten sind ebenfalls unterschiedlich intensiv. Außerdem muss sich jedermann im Hinblick auf das Thema HIV/AIDS-Therapie darüber im Klaren sein, dass HIV nach derzeitigen Erkenntnisstand nicht heilbar ist. Auch Impfstoffe konnten bisher nicht erfolgreich entwickelt werden. Für HIV-Infizierte ist ein positiver HIV-Test hierzulande nicht mehr gleichbedeutend mit einem frühen und grausamen Tod. Allerdings darf diese Tatsache nicht zu einem leichtsinnigen Umgang mit HIV verleiten, und der HIV-Infektions-Verlauf darf nach wie vor nicht unterschätzt werden.

HIV-Infektion: Wie können Sie sich wirksam schützen?

Ausreichendes Wissen zu den Themen HIV/AIDS und ein bewusster sowie verantwortungsvoller Umgang mit HIV sind immer noch die besten Schutzmaßnahmen gegen eine Infektion. Da HIV über Körperflüssigkeiten wie Blut und Sperma übertragen wird, bieten der Einsatz von Kondomen bei sexuellen Kontakten sowie entsprechende Hygienemaßnahmen bei medizinisch oder pflegerisch invasiven Eingriffen größtmöglichen Schutz gegen eine HIV-Infektion. Seit Kurzem gibt es auch die Möglichkeit für eine medikamentöse Prävention mit einer Kombination aus zwei antiviralen Präparaten. Diese wird auch PrEP bzw. Prä-Expositionsprophylaxe genannt. In der Breitenwirkung kann auch durch eine konsequente Anwendung der HIV-Therapie mit den antiviralen Arzneimitteln die Ansteckungsgefahr weiter vermindert werden, weil diese Medikamente dazu in der Lage sind, die Viruslast in Körperflüssigkeiten so weit zu verringern, dass eine Infektion unwahrscheinlich bis unmöglich wird. Auch unter Kostenaspekten ist hierzulande jedem Betroffenen die HIV-Therapie zugänglich, da unser öffentliches Gesundheitssystem die Kostenbelastung für die Arzneimittel bewältigen kann. Es liegt daher vor allem in der Selbstverantwortung jedes Einzelnen, die Möglichkeit einer HIV-Infektion niemals aus den Augen zu verlieren und im Falle einer HIV-Infektion konsequent die Möglichkeiten der HIV-Therapie zur Einflussnahme auf den HIV-Verlauf zu nutzen. Dies ist nicht nur im Sinne einer AIDS-Prävention, sondern auch, um weitere Menschen vor der Ansteckung mit HIV zu schützen.

HIV-Verlauf unter HIV-Arzneimitteln

Es sei noch einmal hingewiesen, dass der HIV-Infektions-Verlauf unter einer HIV-Therapie erheblich verändert wird. Vor allem bildet sich die früher regelmäßig im Kontext der HIV-Infektion auftretende Immunschwäche nicht mehr aus. Bei konsequenter Einhaltung der Behandlungsroutine erreichen die HI-Viren nicht mehr die erforderliche Konzentration, um das Immunsystem zu zerstören. Man kann insoweit sagen, dass mit den derzeitig möglichen Ansätzen in der HIV-Behandlung die Latenzphase der HIV-Infektion über den Rest des Lebens hinaus gezogen wird. Tatsächlich kann die Lebenserwartung von HIV-Infizierten mit antiretroviralen Arzneimitteln die von Gesunden erreichen. Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass der Betroffene weiterhin mit dem HI-Virus infiziert ist. Wird die Therapietreue durchbrochen, kann sich HIV jederzeit wieder aktivieren und sich AIDS ausbilden. Aufgrund der verschiedenen Eigenarten des Virus ist es bisher nicht möglich, das in den Körperzellen ruhende Virus vollständig aus dem Organismus zu entfernen. Lediglich, wenn bei Verdacht einer HIV-Infektion sofort im Anschluss an das Infektionsereignis vier Wochen lang intensiv mit antiretroviralen Mitteln behandelt wird - man bezeichnet diese Therapie als Postexpositionsprophylaxe (PEP) – kann unter Umständen die Infektion selbst noch abgewendet werden. In allen anderen Fällen würde der HIV-Verlauf seine typischen Stadien durchlaufen, wenn nicht permanent antivirale Mittel zugeführt werden.

HIV-Verlauf auf globaler Ebene

Nicht zuletzt ermöglichen heute die modernen HIV-Therapeutika einen Zustand, in dem es zu einem schwierigen und vielfach aussichtslosen Stadium AIDS nicht mehr kommen muss. Das ist nicht überall auf der Welt so. In vielen Ländern nimmt HIV seinen typischen Verlauf: Erst Infektion mit dem HI-Virus, zunächst keine Symptome einer HIV-Infektion, dann nach Jahren Auftreten von AIDS, schlimmste und kaum behandelbare Folgeinfektionen führen zu einem frühen Tod. Gründe dafür sind unter anderem, dass keine Arzneimittel zur Verfügung stehen, die Hygiene in der medizinischen Versorgung nicht stimmt und/oder nicht über das Tabuthema HIV aufgeklärt wird. Es gibt insoweit noch keine endgültige Entwarnung beim Thema HIV auf globaler Ebene.

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