Die HIV-Erkrankung – Übertragungswege und Krankheitsverlauf

„Ich hätte nie gedacht, dass ich eine HIV-Infektion habe“, ist ein Satz, den viele HIV-Infizierte aussprechen, wenn sie die Diagnose erhalten. Was zunächst als hartnäckiger Husten abgetan und auf den Stress zurückgeführt wird, kann sich nach weiteren fachärztlichen Untersuchungen als fortgeschrittene Immunschwäche und HIV-Infektion entpuppen. Doch es ist kein Einzelfall, dass HIV spät erkannt wird. Das liegt an dem anfangs unauffälligen Verlauf der Erkrankung und an den wenig signifikanten Symptomen.

Was ist eine HIV-Erkrankung?

Die HIV-Infektion geht auf das Humane Immundefizienz-Virus (HI-Virus oder HIV) zurück. Wird die Infektion nicht behandelt, führt sie nach einer mehrjährigen Latenzphase, deren Dauer unterschiedlich lang ist und die meist frei von Symptomen verläuft, zu AIDS (acquired immunodeficiency syndrome). Seit Anfang der 80er Jahre hat sich HIV zu einer Pandemie entwickelt, die nach Schätzungen von UNAIDS weltweit rund 39 Millionen Menschenleben gefordert hat. UNAIDS (United Nations Programme) ist ein gemeinsames Programm der Vereinten Nationen zu HIV und AIDS. Es hat zum Ziel, die verschiedenen Aktivitäten der einzelnen Länder im Kampf gegen HIV und AIDS zu koordinieren und das Zahlenmaterial zu sammeln und zu dokumentieren.

HIV-Erkrankung: die verschiedenen Übertragungswege

Das HI-Virus als Ursache für die HIV-Erkrankung kann auf unterschiedliche Weise von Mensch zu Mensch übertragen werden. Die Übertragung findet durch den Kontakt mit Körperflüssigkeiten statt, mit Blut, Vaginalsekret, Sperma oder mit Muttermilch. Zu den potenziellen Eintrittspforten gehören Schleimhäute wie die Vaginal- und Analschleimhaut sowie frische, noch blutende Wunden. Das gilt auch für leicht verletzliche Stellen der Außenhaut am Anus und der Eichel sowie an der Innenseite der Penisvorhaut.
- Der häufigste Weg zu einer HIV-Infektion ist Anal- und Vaginalverkehr ohne die Verwendung von Kondomen.
- Ein weiterer gängiger Infektionsweg ist die Nutzung von kontaminierten Spritzen im Zusammenhang mit intravenösem Drogenkonsum.
- Nur ausnahmsweise ist eine Übertragung des HI-Virus beim Oralverkehr möglich, nämlich wenn Sperma oder Menstruationsblut in die Mundschleimhaut gelangen.
- Bluttransfusionen als mögliche Infektionsquelle waren vor allem Anfang der 80er Jahre ein Thema, als es in vielen Ländern zu Blutskandalen kam. Das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, wird bei einer Transfusion mit kontaminiertem Blut auf 90 Prozent geschätzt. Heute ist dieses Risiko in Deutschland nahezu ausgeschlossen, weil Blutspenden konsequent auf HIV getestet werden.
- Wird eine Schwangere nicht wegen einer HIV-Infektion behandelt, besteht für das Kind ein Infektionsrisiko, das auf 15 bis 30 Prozent geschätzt wird. Auch beim Stillen ist eine Übertragung des HI-Virus möglich. Durch eine effektive HIV-Therapie während der Schwangerschaft wird das Risiko der HIV-Übertragung auf das Kind auf unter 1% reduziert. Zusätzlich erhält das neugeborene Kind eine vorübergehende antiretrovirale Prophylaxe. Bei einer geringen Viruslast der Mutter ist selbst eine natürliche Geburt möglich.
Zungenküsse gelten grundsätzlich nicht als HIV-Infektionsrisiko, obwohl theoretisch die Möglichkeit einer Infektion durch Verletzungen im Mund und am Zahnfleisch besteht. Doch die HIV-Konzentration in Speichel, Tränen und in Schweiß reicht für eine Ansteckung nicht aus. Das gilt gleichermaßen für eine Übertragung von HI-Viren durch eine Tröpfcheninfektion, durch Nahrungsmittel, Trinkwasser oder durch Insektenstiche.
Wie hoch das Infektionsrisiko ist, hängt auch von der Viruskonzentration, der sogenannten Viruslast, in der übertragenen Körperflüssigkeit ab. Besonders hoch ist die Viruslast in den ersten Wochen nach einer HIV-Infektion, bevor sich eine ausreichende Menge an Antikörpern gebildet hat. Im weiteren Verlauf nimmt sie zunächst ab und steigt in späten Stadien der HIV-Erkrankung wieder an.

Die HIV-Erkrankung und ihr Verlauf

Eine nicht durch eine HIV-Therapie behandelte HIV-Erkrankung durchläuft mehrere Stadien mit unterschiedlich ausgeprägten Symptomen. Sie lässt sich einteilen in die Inkubationszeit, in die akute Infektion und in eine meist mehrjährige Latenzphase, die bei Nichtbehandlung schließlich in AIDS mündet.
1. Die Inkubationszeit, das ist die Zeit, die zwischen der Ansteckung mit dem HI-Virus und dem Auftreten erster Symptome liegt, hat eine Dauer von drei bis sechs Wochen.
2. Erst danach zeigen sich erste Symptome einer akuten HIV-Infektion, die jedoch nicht ohne Weiteres als solche zu erkennen sind und die selten länger als vier Wochen dauern. Es handelt sich um grippeähnliche Symptome wie Fieber, Abgeschlagenheit, starken Nachtschweiß, Hautausschläge und Gelenkschmerzen. In dieser akuten Phase bleibt HIV meistens unerkannt, obwohl eine frühe Diagnose von entscheidender Bedeutung ist. Nicht nur, dass Infektionen von Sexualpartnern verhindert werden. Ein früher Therapiebeginn in der akuten Phase führt oftmals dazu, dass die HIV-spezifische Immunantwort eines Patienten gestärkt werden kann.
3. Was folgt, ist die meist mehrere Jahre dauernde Latenzphase, in der keine gravierenden körperlichen oder auch gar keine Symptome auftreten. Oftmals unbemerkt bleiben veränderte Blutwerte. Allmählich kommt es zu ersten Erkrankungen, die auf ein geschwächtes Immunsystem zurückgehen. Solche Symptome sind beispielsweise Veränderungen in der Struktur des Herzmuskels.

Von der HIV-Infektion zu AIDS-definierenden Erkrankungen

Im weiteren Verlauf der HIV-Erkrankung wird das Immunsystem weiter geschwächt. Das geschieht durch die fortschreitende Zerstörung von T-Helferzellen. Sie sind das Angriffsziel der HI-Viren, die ihnen als Wirtszellen dienen, um sich zu vermehren. Zu erkennen sind sie am CD4-Antigen, einem bestimmten Eiweißmolekül, das die T-Helferzellen auf ihrer Oberfläche tragen und das die HI-Viren als Rezeptoren verwenden. Um die Wirtszelle zu besetzen, verbindet das HI-Virus seine Membran mit der Membran der Wirtszelle und schleust seine eigene Erbinformation und Enzyme in die Wirtszelle ein. Durch ein bestimmtes Enzym wird die Virus-RNA in DNA umgeschrieben und anschließend in die menschliche Wirtszelle eingebaut.
Im Anschluss an die akute Infektionsphase ist der Körper einige Jahre in der Lage, die zerstörten Zellen durch die Produktion neuer Zellen zu ersetzen. Wird die Virusinfektion nicht medikamentös behandelt, sinkt die Zahl der T-Helferzellen weiter ab. Wegen der Schädigung des Immunsystems ist der Körper immer weniger in der Lage, angreifende Viren, Bakterien und Pilze wirkungsvoll abzuwehren. Nach einer Latenzphase von neun bis elf Jahren nach der Erstinfektion kann es zu einem schweren Immundefekt kommen. Das führt ohne Behandlung in der Regel zu AIDS-definierenden Erkrankungen. Dazu zählen opportunistische Infektionen, die durch Bakterien, Viren und Pilze verursacht werden, und zahlreiche andere Erkrankungen, unter anderem das Wasting-Syndrom und das maligne Lymphom. Diese AIDS-definierenden Erkrankungen sind es, die im Rahmen einer AIDS-Therapie behandelt werden. AIDS tritt immer dann auf, je länger ein schwerer Immundefekt vorliegt, der über Jahre unentdeckt und unbehandelt bleibt.

Der Ablauf einer HIV-Therapie

Heute wird empfohlen, möglichst bald nach der Diagnose mit der HIV-Therapie zu beginnen. Die Therapie sollte möglichst von Ärzten begleitet werden, die sich auf HIV spezialisiert haben. Diese können die Blutwerte richtig deuten, kennen die neusten Forschungsergebnisse und können die passenden Medikamente aussuchen. Etwa vier Mal im Jahr sind regelmäßige Untersuchungen notwendig, um den Therapieerfolg zu beobachten. Ohne die Mithilfe des Patienten funktioniert die HIV-Therapie nicht. Die Medikamente müssen kontinuierlich und konsequent eingenommen werden, wobei bei einigen auch Ernährungsvorschriften zu beachten sind. Ansonsten ist der Therapieerfolg gegen die HIV-Erkrankung in Gefahr.

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