Die HIV-Angst hat viele Gesichter und kennt viele Gründe

Die Frage „HIV-Diagnose, was nun?“ markiert eine deutliche Veränderung im Leben des Menschen, der mit HIV infiziert ist. Während Angehörige, Partner, Bekannte, Freunde und Kollegen Angst vor einer HIV-Infektion haben, plagt HIV-Infizierte die Angst vor Isolation und Vereinsamung. Doch davor steht die Angst, die bloße Vermutung einer Infektion durch einen HIV-Test bestätigen zu lassen. Wann diese Ängste berechtigt sind und wo Sie sich als Betroffener oder Angehöriger Unterstützung holen können, lesen Sie nachstehend.

Die Angst vor einem HIV-Test: eine Form der HIV-Angst

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wissen rund eine Million Menschen in der WHO-Region Europa nicht, dass sie mit HIV infiziert sind. Das trifft auch auf Deutschland zu, wo rund 20 Prozent von geschätzten 78.000 Infizierten nichts von ihrer Erkrankung wissen. Das Problem: Ohne einen Test, ohne Diagnose und ohne eine HIV-Therapie laufen Infizierte Gefahr, andere Menschen anzustecken und schlimmstenfalls an AIDS zu erkranken. Denn eine zu spät diagnostizierte HIV-Infektion führt zwangsläufig zu AIDS, macht eine Therapie von mit AIDS assoziierten Symptomen notwendig und hat eine verkürzte Lebenserwartung zur Folge.

Die Gründe, keinen HIV-Test zu machen, sind vielfältig.

- Darunter gibt es Menschen, die ahnen, dass sie mit HIV infiziert sind, sich jedoch aus Angst vor HIV und dem Ergebnis keinem Test unterziehen. Und weil HIV und AIDS immer noch stigmatisierend sind, verdrängen sie den Gedanken und sprechen auch nicht mit ihrem Hausarzt darüber.
- Noch immer wird HIV bestimmten Risikogruppen zugeordnet. So rechnen viele heterosexuelle Menschen nicht damit, sich mit HIV zu infizieren und kommen gar nicht auf die Idee, sich testen zu lassen.
- Andere wiederum sind zu bequem, einen Test durchführen zu lassen, oder sehen eine Hürde darin, den Test selbst bezahlen zu müssen, obwohl kostenlose und anonymisierte Testverfahren unter anderem in Gesundheitsämtern möglich sind.
Tatsächlich ist die beste Testrate unter Homosexuellen zu finden, die sich der Risiken bewusst sind und entsprechende Maßnahmen treffen. Ein einmaliger HIV-Test nach Verfehlungen reicht indes nicht aus. Das gilt vor allem für diejenigen, die sexuell sehr aktiv sind und die Partner häufiger wechseln. Sie sollten sich mit derselben Regelmäßigkeit und Routine, ähnlich dem Besuch beim Zahnarzt, Hausarzt oder beim Gynäkologen, testen lassen.

Angst vor HIV: Ein unaussprechlicher Verdacht?

Erschreckend viele der sogenannten Late Presenter, also derjenigen, bei denen HIV erst sehr spät diagnostiziert wird, suchen einen Arzt wegen unklarer Beschwerden auf. Oftmals handelt es sich um anhaltenden Durchfall, Lymphknotenschwellungen, Fieber, Gewichtsverlust und Nachtschweiß, die nicht in direktem Zusammenhang mit einer HIV-Infektion stehen. Manche Allgemeinmediziner, die selten mit HIV zu tun haben, stellen diesen Zusammenhang nicht her. Andererseits ist es für Ärzte nicht leicht, einen derartigen Verdacht seinem Patienten mitzuteilen und einen HIV-Test vorzuschlagen. Manche Ärzte scheuen sich, weil sie fürchten, Patienten mit diesem Vorschlag zu stigmatisieren. Manche Patienten signalisieren außerdem, dass sie nicht auf HIV angesprochen werden wollen. Deshalb ist es wichtig, dass Ärzte flächendeckend mehr über Krankheiten informiert werden, die als HIV-Indikator-Krankheiten gelten und Hinweise darauf sind, dass ein Mensch möglicherweise an HIV erkrankt ist. Das gilt zum Beispiel für Erkrankungen wie Herpes Zoster, Syphilis, chronische Hepatitis B und C sowie für Soor, um nur einige zu nennen. Die Deutsche AIDS-Gesellschaft hat eine Liste der HIV-Indikator-Erkrankungen veröffentlicht, die Sie auf http://hiveurope.eu/Portals/0/Guidance/2012-014_CHIP_losark-Tysk_v2.pdf abrufen können.

Die Angst vor einer HIV-Infektion

Angst vor HIV haben diejenigen, die zu den Risikogruppen gehören. Die Angst vor HIV kursiert auch unter denjenigen, die Kontakt zu HIV infizierten Menschen haben. Das können Partner, Angehörige, Familienmitglieder, Bekannte, Freunde, Arbeitskollegen oder beruflich bedingte Kontakte sein. Diese Angst wird weniger, wenn Sie die tatsächlichen Übertragungswege und ihr jeweiliges Risiko kennen. Grundsätzlich besteht ein Infektionsrisiko dann, wenn infektiöse Körperflüssigkeiten mit Schleimhäuten oder Wunden in Berührung kommen. Zu diesen Körperflüssigkeiten gehören neben Blut auch die Scheidenflüssigkeit, Sperma und der Flüssigkeitsfilm, der sich auf der Schleimhaut des Enddarms befindet.

1. HIV-Risiko im Zusammenhang mit Sexualität

Auf Platz 1 der Übertragungsmöglichkeiten steht der ungeschützte Geschlechtsverkehr, was für homosexuelle Paare ebenso wie für heterosexuelle gilt. Am häufigsten wird das HI-Virus beim Anal- und Vaginalverkehr übertragen, da Scheidenflüssigkeit, Sperma und Menstruationsblut Viren enthalten können, während die Gefahr beim Oralverkehr geringer ist, weil die Mundschleimhaut widerstandsfähiger als andere Schleimhäute ist.

2. HIV-Risiko beim Drogenkonsum

Ein erhöhtes HIV-Risiko haben auch diejenigen, die beim Drogenkonsum Spritzen gemeinsam nutzen, da die HI-Viren direkt in die Blutbahn gelangen können. Es besteht außerdem die Gefahr, sich mit Hepatitis zu infizieren.

3. HIV-Risiko im Verhältnis von Mutter zu Kind

Mit HIV infizierte Schwangere können bei der Geburt oder später beim Stillen das HI-Virus auf das Kind übertragen. Dieses Risiko kann nahezu vollständig ausgeschaltet werden, wenn die Schwangere von ihrer HIV-Infektion weiß, weshalb Schwangeren grundsätzlich ein HIV-Test angeboten wird. Dann kann im Rahmen einer HIV-Therapie durch die Gabe von Medikamenten das Übertragungsrisiko deutlich reduziert werden.

4. Wann kein Infektionsrisiko besteht

In Urin, Speichel und in Tränen sind nur wenige HI-Viren enthalten, weshalb eine Übertragung über diese Körperflüssigkeiten ausgeschlossen ist. Außerdem ist das HI-Virus außerhalb des Körpers nur für kurze Zeit lebensfähig. Aus den genannten Gründen besteht kein Ansteckungsrisiko beim Umarmen, bei einem Händedruck oder beim Küssen, beim Anniesen und Anhusten, bei der gemeinsamen Nutzung von Tellern, Gläsern und Besteck sowie von sanitären Anlagen, von Handtüchern und Bettwäsche. Gleiches gilt für den Sauna- und Schwimmbadbesuch, für das gemeinsame Wohnen mit HIV infizierten Menschen sowie für ihre Betreuung und Pflege. Auch Erste-Hilfe-Leistungen sowie medizinische und kosmetische Behandlungen sind unbedenklich, wenn die Hygienevorschriften – Handschuhe und Beatmungsmaske – eingehalten werden. Gleiches gilt für das Tätowieren und Piercen.

HIV: Die Angst des HIV-Infizierten vor Einsamkeit

Die Diagnose HIV ist eine Schocknachricht, die in vielerlei Hinsicht Ängste hervorruft, vor einem Leben zwischen Hoffnung, Verzweiflung, latenter Zurückweisung im Alltag und der Angst vor Einsamkeit. Begrüßungen erschöpfen sich in Umarmungen, während Küsschen wegfallen. Der Händedruck verliert an Herzlichkeit und wird zu einer Art formalem Akt. Berührungsängste kommen auf. Freunde werden weniger. Der nicht infizierte Partner oder die Partnerin leiten Vorsichtsmaßnahmen ein, gehen auf Distanz oder trennen sich schlimmstenfalls. Vorwürfe stehen im Raum und münden in Auseinandersetzungen, wenn ein Partner den anderen in einer homo- oder heterosexuellen Beziehung angesteckt hat. Diese und andere Situationen bringen HIV-Infizierte ungewollt in eine Außenseiterposition und machen es zunächst scheinbar unmöglich, positiv mit HIV zu leben. Selbst wenn die Frage, „HIV-Diagnose, was nun?“ ihre Antwort längst in einer HIV-Therapie und anderen Maßnahmen gefunden hat, will sich das Gefühl, ein fast normales Leben zu führen, nicht einstellen. Das gilt selbst dann, wenn die Zahl der HI-Viren durch eine HIV-Therapie deutlich gesenkt werden konnte. Denn was ein Leben lang bleibt, ist die Einnahme von Tabletten. Manche HIV-Infizierte verzichten aus Vorsicht darauf, die im Zusammenhang mit einer HIV- oder AIDS-Therapie notwendigen Medikamente in ihrer Stammapotheke um die Ecke abzuholen und weichen stattdessen in einen anderen Ort oder in einen anderen Stadtteil aus.
Schützen Sie sich vor Einsamkeit und suchen Sie Hilfe im Gespräch, bei einer AIDS-Beratung oder in einer Selbsthilfegruppe. Keinesfalls müssen Sie Ihre Situation allein aushalten und sich gegen Ihre Umwelt abschotten. Im Gegenteil: Die HIV-Infektion verliert in Gesprächen ihren Schrecken, weil Sie wertvolle Informationen erhalten und spüren, dass Sie nicht allein sind, und weil Sie lernen, positiv mit HIV zu leben.

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